Lange Version – Manifest der Freien Polin

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Manifest der Freien Polin  

Mehr als 150 000 Polinnen jährlich nehmen einen Schwangerschaftsabbruch vor. Sie tun es entweder illegal und unter Risiken (im Untergrund) oder legal und sicher im Ausland, wenn sie es sich leisten können. Ärmere und verzweifelte Frauen nehmen die Abtreibung selbst vor, unter Bedingungen, die für ihre Gesundheit und ihr Leben gefährlich sind, obwohl ein solcher medizinische Eingriff heutzutage sicher ist, sofern er vom Arzt vorgenommen wird.

Jede von uns, die den vorliegenden Appell unterzeichnet, besorgt um das Schicksal dieser Frauen zu denen auch unsere Töchter, Enkelinnen, Schwestern oder Freundinnen gehören könnten, erklärt, Eine von diesen Frauen zu sein.

Ich fordere einen einfachen Zugang zu Verhütungsmitteln und zur fundierten Sexualkunde. Ich bestehe auf meinem Recht, frei zu entscheiden, ob ich die Schwangerschaft aufrechterhalten will oder abbrechen lasse, nach Standards, die in nahezu allen gefestigten Demokratien gelten.   

In dem 2013 vom EU-Parlament verabschiedeten Gleichstellungsbericht des Berichterstatters Marc Tarabella über die Gleichstellung von Frauen und Männern steht, dass die Frau das Grundrecht habe, über ihren Körper zu verfügen, und das durch einen einfachen Zugang zur Empfängnisverhütung und Abtreibung. Es heißt weiter, Frauen müssen die Kontrolle über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte haben.

Wir sind der Sängerin Natalia Przybysz dankbar, dass sie – indem sie die Abtreibung öffentlich zugab – als Erste die Mauer des Schweigens durchbrach.

 „Ich wünschte mir, dass Frauen mit ihrer eigenen Stimme sprechen. Dass sie über diese Erfahrung sprechen. So wie es in den 1960er Jahren amerikanische Frauen taten. Und in den 1970er die Französinnen. Diese Erfahrung gibt es. Sie ist Teil eines Frauenlebens. Es ist etwas Individuelles, und jede Frau sollte allein entscheiden können: Will sie die Geburt oder will sie die nicht.

Niemand und nichts kann eine Frau davon abhalten, den Fötus abzutreiben, wenn sie kein Kind haben kann oder will. Alle kennen eine Unzahl solcher Fälle. Mindestens jede vierte Frau hat ein- oder mehrmals abgetrieben. Wenn die Lebensumstände euch oder eure Töchter dazu zwingen, wird manch eine sich zu diesem Schritt entschließen. Wenn die Frau nämlich  – das wisst ihr sehr wohl – zur Geburt eines unerwünschten Kindes gezwungen wird, stürzt  das sowohl die Mutter als auch das Kind geradewegs ins Unglück.

So wie im Jahre 1971, als 343 bekannte Französinnen (u.a. Catherine Deneuve, Jeanne Moreau, Simone de Beauvoir, Marguerite Duras, Françoise Sagan, Agnès Varda und Marina Vlady) öffentlich zugaben, dass sie abgetrieben hatten, wollen wir nun endlich mit der Scheinheiligkeit Schluss machen. Das tun wir für unsere Töchter und Enkelinnen. Indem wir die Abtreibung eingestehen, wollen wir hunderttausend anderen, oft ratlosen und unglücklichen Frauen zu Hilfe kommen.  

„Das Abtreibungsproblem betrifft nicht die gebildete Mittelschicht. Diese Schicht hat längst arme, ausgeschlossene Frauen verraten, die auf Sozialleistungen angewiesen und abhängig sind; Frauen, die weitere unerwünschte Kinder in die Welt setzen, die nach ihrer Geburt in Vergessenheit geraten. In unserer Selbstzufriedenheit hängen wir den „Kompromiss” an die große Glocke, während uns dieser Kompromiss doch nie betraf.  schrieb eine polnische Frau.

Gerade deshalb wollen wir das Tabu um diese Frage brechen. Der 1993 von der polnischen Kirche durchgesetzte sog. Abtreibungskompromiss in Wirklichkeit das restriktivste Gesetz in Europa (Malta und Irland ausgenommen) ist eine bedrückende Fiktion. Laut Regierungsstatistiken werden jährlich weniger als Tausend legale Abtreibungen durchgeführt und selbst diese sind oftmals schwer zu erwirken, weil ständig die sog. Gewissensklausel missbraucht wird. In der Praxis nehmen schätzungsweise fast 200 000 Frauen unter Gesundheits- und Lebensrisiken den Schwangerschaftsabbruch vor.

Die Anzahl der Abtreibungen lässt sich kaum durch strenge rechtliche Regelungen reduzieren. Die einzigen Folgen der rechtlichen Verbote sind der florierende Markt illegaler Abtreibungen und der Abtreibungstourismus sowie Tod und Verstümmelung der heimlich abtreibenden Frauen. Entscheidend für die Zahl der Abtreibungen ist der Zugang zu Verhütung, fundierter Sexualaufklärung, Unterstützung durch Staat und Sozialorganisationen  zugunsten der ärmeren, schwangeren Frauen sowie Sicherstellung der Fürsorge für schwangere unverheiratete Mädchen.  

Es gibt nicht mehr Abtreibungen in Ländern, wo ein liberales Recht herrscht, die staatliche Fürsorge gut entwickelt und die Stimme der Kirche vollkommen irrelevant ist. Der polnische Klerus hat uns ein Viertel  Jahrhundert lang mit Unterstützung der Politik das Narrativ von der Abtreibung als dem „absoluten Übel” und dem „Holocaust der Ungeborenen” oktroyiert  und ersetzte mit dem schulischen und kirchlichen Religionsunterricht Ethik, Sexualerziehung und Biologie. Im Endeffekt macht bereits die dritte Generation von Frauen die Erfahrung, zwischen den falschen moralischen Dilemmas hin- und hergerissen, höllischen Gewissensqualen ausgesetzt zu sein. Und wenn statistisch jede dritte oder vierte Polin abgetrieben hat, lässt es sich leicht berechnen, wie viele Frauen auf diese Weise zum Leiden verurteilt wurden.

 Es muss von nun an offen und klar gesagt werden: Das Recht auf sichere Abtreibung fördert die Entwicklung einer glücklichen, gut funktionierenden Gesellschaft, in der allen Bürgern die gleichen Rechte garantiert werden, in der die Kinder erwünscht sind sowie geliebt und akzeptiert  werden  und sich sicher fühlen können.  

Die Entscheidung der Frau abzutreiben, resultiert meistens aus ihrer Sorge um die Bedürfnisse und Möglichkeiten der ganzen Familie bzw. ihre eigenen, die ihres Partners und insbesondere  die ihres Kindes. Diese Entscheidung entspringt der Sorge um alle, die ihr anvertraut sind.

Jede von uns hatte einen anderen wichtigen Grund, der sie zur Abtreibung bewog. Wir halten es nicht für notwendig, diese Gründe offenzulegen, denn es ist einzig und allein unsere Angelegenheit bzw. allenfalls die Angelegenheit zwischen uns und unseren Partnern. Wie viele Frauen, so viele Beweggründe. Jeder Grund ist berechtigt, solange es sich um eine selbstständige Entscheidung handelt. Keine Frau tut das aus purer Laune. Nur etwa 4% der Frauen treiben aus einem der drei im Gesetz genannten Gründe ab: Vergewaltigung, Deformation des Fötus oder Lebensbedrohung für die Frau.  Die übrigen  96% müssen in die Illegalität gehen, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen. Gerade ihnen wollen wir helfen, Würde und Sicherheit zurück zu gewinnen. Wir wollen ihnen helfen, Kontrolle über ihren Körper zurück zu erlangen.

Wir hoffen, dass unser Appell die Abtreibung von dem Makel befreit, eine dramatische Entscheidung zwischen Gut und Böse zu sein. Wir hoffen, damit das Narrativ von den Lügen zu befreien, die Polinnen zu Opfern moralischer Erpressung machen. Katha Pollitt schreibt dazu:

„Wir müssen die Abtreibung als eine dringliche praktische Entscheidung betrachten, die unter moralischem Gesichtspunkt mit der Entscheidung das Kind zur Welt zu bringen gleichzusetzen ist – und oftmals der Frau sogar viel mehr abverlangt. Die Entscheidung abzutreiben oder nicht ist ein integraler Bestandteil des Mutterseins und der Sorge um das Kinderwohl, weil das Wissen, wann man Kinder besser nicht bekommt, ebenfalls zur Sorge um das Kinderwohl gehört.”

Wir sind uns dessen bewusst, dass gerade jetzt eine anthropologische Gegenrevolution in Polen herbeiführt wird, die alles zunichte machen will, was Frauen im letzten Jahrhundert erreicht hatten: Gleichstellung, volle reproduktive Rechte, einfachen Zugang zur Empfängnisverhütung und Abtreibung, zu Pränataldiagnostik und künstlicher Befruchtung, zu medizinischer und sozialer Versorgung, zu fundierter Sexualbildung.

Je mehr wir sind, desto sicherer werden wir uns fühlen. Umso größer wird auch die öffentliche Wirksamkeit unseres Manifestes auch im Ausland sein. Wir rechnen damit, dass die EU und die internationalen Instanzen einen Druck auf die polnische Regierung ausüben und sie dazu zwingen werden, unsere Grundrechte zu achten. Wir werden alles tun, um sie dazu zu veranlassen.

 Wir hoffen auf die Solidarität der Männer, die mindestens gleichermaßen für die unerwünschten Schwangerschaften verantwortlich und die an den Entscheidungen für die Abtreibung mitbeteiligt sind. Unterschreibt diesen Appell mit! Wir zählen auf euch! Diese Angelegenheit betrifft uns alle!

Es ist beschämend, dass wir im 21. Jahrhundert von niederträchtigen „Angeboten” bedrängt  werden, schwer geschädigte Föten zur Welt zu bringen, Schwangerschaften infolge der Vergewaltigung aufrechtzuerhalten und um jeden Preis zu entbinden! Es kann kein Einverständnis darüber geben, die Frau als einen Inkubator zu behandeln. Wir entschließen uns nun, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, weil das Maß voll ist.

Willst du keine Abtreibung? Dann nimm sie nicht vor.  

Hältst du die Abtreibung für ein Übel? Niemand zwingt dich dazu. 

Doch diese Ansichten sollst du Anderen nicht aufdrängen.

Wir denken anders. Wir sind für eine freie Wahl.

Und die Wahl gehört uns Frauen.

 Unterschreiben Sie das Manifest hier 

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